Unterwegs, um schneller zu werden!
12 Jahre Breitbandausbau im Lahn-Dill-Kreis

von Hermann Steubing, Bürgermeister i.R. und Kreiskoordinator für den Breitbandausbau

Im Juli 2024

Wer Digitalisierung nicht als modischen Trend empfindet, sondern als gigantischen Technologie-Sprung, der weiß auch, dass sie ohne Netze nicht gelingen kann.

Das gilt insbesondere für das Festnetz, wenn es denn im Endausbau vollständig aus Glasfasern besteht. Das gilt aber auch für das schnell wachsende Mobilfunknetz, das sich zunehmend als Ergänzung zum Festnetz entwickelt. Die dazu notwendigen Basisstationen erreichen aber ihre volle Leistungsfähigkeit nur, wenn sie mit Glasfaser angeschlossen sind.

Beide Netze müssen explosiv zunehmende Datenmengen (gemessen in Byte – kiloByte, Megabyte, eine eins mit sechs Nullen bis ZettaByte, eine eins mit 21 Nullen) transportieren. Das geht nur über stark steigende Datengeschwindigkeiten gemessen in bit pro sekunde (bit/s).

Unser aktuelles Ziel ist ein Gigabit/s. Und das ist nur ein weiterer Schritt in noch schnellere Netze.

Wie alles begann!

Wer in der Welt der Fernschreiber und Faxgeräte aufgewachsen ist, hatte es mit Datengeschwindigkeiten um die 60 kilo-bit pro Sekunde (kbit/s – kilo steht für 1.000 – also 1.000 bit pro Sekunde) zu tun. Dass das auf die Dauer nicht reichen würde, war den Menschen klar, die sich in unserem Kreis mit dem Thema beschäftigten und seit 2010 die Weichen stellten. Und es tat der Entwicklung gut, dass es Treiber aus unterschiedlichen Handlungsfeldern gab.

Seit 2006 hatten die Macher von media Lahn-Dill e.V. die Breitbandversorgung auf dem Schirm und sie stellten ein erstes Ergebnis vor:

„In einer Blitzumfrage bei Unternehmern an Lahn und Dill wurde deutlich, dass fehlende Bandbreite ein Standort- und Wettbewerbsnachteil insbesondere für innovative Unternehmen ist. 88 Prozent der Befragten Betriebe bezeichnen Breitband-Technologien als unverzichtbar.

(Zitat media Lahn-Dill e.V.)

Mit der Erkenntnis wurden mehrere Initiativen ergriffen:

(Zitat media Lahn-Dill e.V.)

Motoren dieses Engagements waren die Vorstände Burghard Loewe von der Geschäftsführung der IHK Lahn-Dill und Manfred Orth als Leiter der Wirtschaftsförderung des Lahn-Dill-Kreises.

Beide sind mittlerweile im Ruhestand. Trotzdem begleiten sie die Entwicklung immer wieder mit Informationen und Anregungen.

Die Aktivitäten und Erkenntnisse des Vereins (https://www.media-ldk.de/#werwirsind) zeigten Wirkung.

Landrat Wolfgang Schuster lud gemeinsam mit dem Sprecher der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Mittenaars Bürgermeister Hermann Steubing verschiedene Gesprächskreise ein.

Die Lahn-Dill-Breitband-Initiative war gestartet.

Sie beauftragte mit Geld aus dem hessischen Fördertopf „Interkommunale Zusammenarbeit (IKZ)“ein Fachbüro mit der Machbarkeitsstudie zum Vollausbau des Kreises mit Glasfaser und der geeigneten Organisationsform zur Umsetzung.

Bild 1 Deckblatt Machbarkeitsstudie

Die Ergebnisse waren ernüchternd.

Der Vollausbau Glas sollte rund 280 Millionen Euro kosten und für den Ausbau empfahl das Büro das sogenannte Betreibermodell mit Gründung einer GmbH. Diese würde das Netz bauen und betreiben, während für die Dienste auf dem Netz ein Anbieter gesucht werden müsse.

Die Wirtschafts- und Infrastrukturbank (WIBank) des Landes stellte einen Kredit von 200 Mio. Euro in Aussicht und machte damit die Diskussion besonders spannend.

Alle Vorbereitungen zur Gründung einer GmbH wurden getroffen. 5 Mio. Euro Stammkapital sollten es sein. Davon hatte der Kreis die Hälfte aufzubringen und die beteiligten Kommunen Anteile entsprechend ihrer Bevölkerung.

In der Machbarkeitsstudie war zu lesen, dass der Break Even Point, also der Punkt, an dem die Kosten gleich den Einnahmen sind, voraussichtlich erst in 16 Jahren erreicht werde.

Das machte nachdenklich und die Fragen nahmen zu: Finden wir einen Dienstleister, der auf dem Netz seine Dienste anbietet und was bezahlt er dafür? Gibt es genug Menschen, die sich einen Glasfaseranschluss legen lassen und auch nutzen? Werden die Einnahmen reichen, um unsere Verpflichtungen zu erfüllen und ab wann lohnt sich die Investition wirklich?

Die Suche nach weniger riskanten Alternativen begann. Eine Möglichkeit war das Deckungslückenmodell. Es wurde dabei über eine Ausschreibung ein Ausbaupartner gesucht, der das Netz baut, betreibt und die Dienste anbietet. Er muss in einer Kalkulation nachweisen, dass ihm bei der Investition eine wirtschaftliche Lücke entsteht. Diese muss dann der Auftraggeber füllen.

Bei dem Modell waren die finanziellen Risiken überschaubar und es konnte auf die GmbH verzichtet werden. Ein Nachteil war, dass das Netz in das Eigentum des Ausbaupartners übergehen würde. Er war zu ertragen, da es nicht unbedingt zu den originären Aufgaben von Kommunen und Kreis gehört, ein Telekommunikationsnetz zu betreiben.

Nicht ausschlaggebend aber doch beeindruckend war der humorvolle Einwand des Landrats, dass er nicht gewillt sei, bei Ausfall des Netzes nachts um 24:00 Uhr noch entsprechende Anrufe abzuarbeiten.

Parallel zu diesen Aktivitäten wurde natürlich auch der Markt befragt, da keine Konkurrenz zum Marktgeschehen aufgebaut werden sollte. Nachhaltig beeindruckend war dabei auch der Auftritt eines Telekom-Vertreters in einer Bürgermeister-Dienstversammlung. Nachdem er den Anwesenden die Welt erklärt hatte, antwortete er auf eine konkrete Frage, dass die Telekom nicht beabsichtige, im Lahn-Dill-Kreis ein Glasfasernetz zu bauen.

Ähnliche Antworten bekamen wir auch von Vodafone, Unitymedia und anderen Playern.

Damit musste das eigene Modell umgesetzt werden. Es wurde die Kommunale Arbeitsgemeinschaft lahn-dill-breitband (ldb) auf der Grundlage des Gesetzes über kommunale Gemeinschaftsarbeit (KGG) gebildet und mit einer öffentlich-rechtlichen-Vereinbarung (ÖRV) geregelt. Spannung entstand bei den notwendigen Abstimmungen in den kommunalen Parlamenten und im Kreistag. Doch überall gab es deutliche Mehrheiten für diese Lösung und selbst im Kreistag fanden sich 61 Ja-Stimmen von 81 quer durch alle Fraktionen.

Gründung der kommunalen Arbeitsgemeinschaft

Gründung der kommunalen Arbeitsgemeinschaft

Mit der Arbeitsgemeinschaft entstand auch die Steuerungsgruppe lahn-dill-breitband, die von einer beim Kreis angesiedelten Geschäftsstelle administrativ unterstützt wurde. Um keine neuen Stellen zu erzeugen, übernahm die Aufgabe die Stabsstelle Wirtschaftsförderung beim Kreis.

Die Steuerungsgruppe wurde besetzt mit Landrat Wolfgang Schuster als Vertreter des Kreises, mit Hermann Steubing als Vertreter der Kommunen und mit Sabine Amelung-Hildebrand als Leiterin der Rechtsabteilung, die die juristische Begleitung sicherte. Alle drei sind auch heute noch Mitglied des Gremiums. Manfred Orth als Leiter der Stabsstelle Wirtschaftsförderung vertrat die Geschäftsstelle und Klaus Bernhardt, der Geschäftsführer der Breitband Marburg-Biedenkopf GmbH war externer Berater. Um Wirtschaft und Handwerk von Anfang an einzubinden, wurden IHK und Handwerkskammer eingeladen. Sie nahmen an und Burghard Loewe, zu der Zeit noch stellvertretender Geschäftsführer der IHK Lahn-Dill vertrat bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand die Interessen von Wirtschaft und Handwerk in der Steuerungsgruppe. Ihm folgte Saskia Kuhl.

Da sich für den Glasfaser-Vollausbau kein Anbieter gefunden hätte, musste ein technischer Kompromiss gefunden werden. Die neue – bezahlbare -Struktur sah vor, in einem ersten Schritt Glasfaser bis in jedes Dorf zu bringen, das dort in den Gehäusen am Straßenrand endet. Die restliche und teuerste Strecke bis zu den Gebäuden – die letzte Meile – blieben die vorhandenen Kupferleitungen. Damit konnten bis zu 50 Mega-bit pro Sekunde (Mbit/s – mega steht für eine Million bit/s – also 1.000 kbit/s) erreicht werden. Diese Netzform wird auch als Fiber-to-the-Curb (FTTC) bezeichnet.

In der Ausschreibung gab es nur eine Bewerbung. Zu der Zeit konnte das auch nur ein Netzbauer. Heute gibt es über 350 von der Bundesnetzagentur (BNetzA) zugelassene Unternehmen.

Durch die Entwicklung technischer Möglichkeiten wie Vectoring und Super-Vectoring gelingt es mittlerweile, auch bei FTTC Datengeschwindigkeiten bis zu 250 Mbit/s im Download zu erreichen.

Parallel dazu wurde auch das alte – kupferbasierte – Kabelfernsehnetz (KTV) der Unitymedia (heute Vodafone) durch entsprechende Technik ertüchtigt. Es kann bis zu 400 Mbit/s im Download leisten. Davon gibt es aktuell rund 25.000 nutzbare Anschlüsse in unserem Kreis.

Der Stand der Dinge!

Das Ausbauprojekt (A-Projekt) 2014 bis 2018

Mit der Entscheidung der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft für den FTTC-Ausbau wurden die finanziellen Risiken überschaubar und es war sichergestellt, dass in diesem ersten Schritt Glasfaser in alle 150 Stadt- und Ortsteile verlegt würde.

Die Grundstruktur des zukünftigen Gigabit-Netzes wurde damit geschaffen.

Die Studie ging von 550 Kilometer Tiefbau aus, bei dem dann 950 neue Kabelverzweiger zu stellen seien und schätzte den Aufwand auf rund 43 Millionen Euro für diese passive Infrastruktur. Dazu kamen noch die aktiven Netzbestandteile von knapp 7 Millionen Euro.

Mit den Zahlen wurde ein Leistungsverzeichnis aufgestellt und Netzbau einschließlich Betrieb entsprechend dem zu erwartenden finanziellen Aufwand europaweit ausgeschrieben.

Vorgabe war – entsprechend den Regelungen der Europäischen Union (EU) zum Next-Generation-Access (NGA)-Ausbau – dass an den Anschlüssen bis zu 50 Mbit/s im Download, mindestens aber 30 Mbit/s zur Verfügung standen.

Das Angebot der Telekom Deutschland GmbH erfüllte die Vorgaben. Mit einer Investition von rund 44 Mio. Euro sollten mindestens 95 Prozent der Haushalte die geforderte Datengeschwindigkeit bekommen. Dass es nicht für 100 Prozent gelang, hatte mit schwer erschließbaren Einzellagen oder einer langen „letzten Meile“ in Kupfer zu tun.

Für die ldb war eine weitere Zahl besonders wichtig. Der Anbieter wies bei dem Volumen eine Wirtschaftlichkeitslücke von 8,4 Mio. Euro nach. Das waren 19 Prozent und damit marktüblich. Sie waren von der Arbeitsgemeinschaft vollständig aufzubringen. Es gab in diesen Jahren keine Bundes- und auch keine Landesförderung.

Entsprechend der Verabredung in der ÖRV hatte der Kreis 50 Prozent zu übernehmen. Die restlichen 4,2 Mio. Euro wurden auf die verbliebenen 21 (von 23) Städte und Gemeinden mit dem Bevölkerungsschlüssel verteilt. Sie hatten dazu auch noch 2 Euro pro Einwohner für die mitlaufenden Kosten beizusteuern.

Fein raus waren dabei Wetzlar und Lahnau. Die Telekom wollte diese beiden Kommunen im Eigenausbau mit eigenem Geld erschließen. Beide konnten sich über die Einsparung von rund 1,2 Mio. Euro gemeinsam freuen.

Spatenstich über dem Aartalsee mit prominenten Akteuren

Spatenstich über dem Aartalsee mit prominenten Akteuren

In ihrem Angebot hatte die Firma angegeben, dass sie rund 700 Kabelverzweiger neu bauen und vorhandene ertüchtigen wolle. Sie ging von 250 Kilometern Tiefbau aus und in das entstehende Rohrsystem (Pipes) sollten knapp 500 Kilometer Glasfaser eingeblasen werden.

Mit kräftiger Unterstützung der Kommunen, sie mussten ja die Standorte und Trassen genehmigen und die verkehrsrechtlichen Anordnungen erlassen, sowie des Kreises, bei dem die Fachdienste wie Naturschutz, Wasser, Verkehr, Denkmale und andere mehr einzubinden waren, wurde das Projekt 2018 erfolgreich abgeschlossen.

Das Erweiterungsprojekt (E-Projekt) 2018 bis 2020

Während das A-Projekt lief, hatte das Thema Breitbandausbau auch Berlin erreicht. Im zuständigen Ministerium wurde auf der Grundlage europäischer Vorgaben 2016 ein 4,6 Milliarden Euro schweres Fördersystem entwickelt und zur Umsetzung ein externes Büro beauftragt.

2,7 Mrd. Euro wurden den Ländern zweckgebunden zur Verfügung gestellt. Hessen erhielt 46 Mio. Euro.

Wir haben die Gelegenheit genutzt und ein weiteres Projekt aufgesetzt. Ziel dabei war es, die im A-Projekt entstandenen Lücken (weiße Flecken) mit FTTC zu schließen. Das Förderprogramm ließ es auch zu, alle Schulen, alle Krankenhäuser und unterversorgte Gewerbetriebe unmittelbar mit Glasfaseranschlüssen anzubinden. Wir hatten es erstmals mit Fiber to the Building (FTTB), also Glasfaser bis ins Haus, zu tun.

Auch dazu gab es eine Ausschreibung und wieder bekamen wir nur ein Angebot. In dem standen 74 Kilometer Tiefbau mit 128 Kilometern Glasfaser und 69 neue Netzverteiler (NVT). Als Gesamtinvestition waren rund 12 Mio. Euro vorgesehen und die Wirtschaftlichkeitslücke lag bei 9,6 Mio. Euro. Mit nun 80 Prozent wird deutlich, dass im Vergleich zum A-Projekt (19 Prozent) der für das Unternehmen zu erzielende Gewinn zum Ausgleich der Investition immer niedriger wird.

Förderung zum Schließen der Lücke gab es mit 4,8 Mio. Euro vom Bund und 3 Mio. Euro vom Land. Den Rest übernahm der Kreis vollständig, weil alle Schulen im Projekt angeschlossen wurden.

Da die ÖRV von 2012 das Projekt nicht vollständig abdeckte, wurde eine Ergänzungs- und Fortführungsvereinbarung in der Arbeitsgemeinschaft beschlossen. Damit konnte der Vertrag mit dem Ausbaupartner am 19.07.2018 unterzeichnet werden und 22 Monate später war alles fertig.

Die Digitale Dorflinde – WLAN-Förderung für hessische Kommunen

Die entstehenden Strukturen machten es auch möglich, gesellschaftliche Interessen aufzunehmen. Dazu entstand 2018 ein hessisches Förderprogramm zum Aufbau von kommunalen WLAN-Infrastrukturen als Zugang zum mobilen Internet. Treffsicher war der dabei entstandene Programm-Name „Digitale Dorflinde“.

Gerne nahmen die Kommunen das Angebot an, das auch durch interessante Konditionen und eine relativ einfache Abwicklung auffiel. Stand Juli 2024 gibt in unserem Kreis fast 200 geförderte Hotspots an dafür ausgesuchten Punkten.

Ein weiterer Vorteil für unsere Kommunen ist, dass sie neben dem öffentlichen Zugang zum Internet auch eigene Seiten präsentieren können. Das Programm läuft noch!

Mehr Informationen zum Thema gibt es unter dem Link https://www.hessen-wlan.de/de/hessen-wlan.html.

Planungsprojekt (P-Projekt)  2021 bis 2022

Ziel auf allen politischen Ebenen war es, den „Ausbau der digitalen Hochgeschwindigkeitsnetze“ durch begleitende Regelungen zu unterstützen. Damit sollten Kosten gemindert und die Schnelligkeit verbessert werden.

In Berlin entstand so 2016 das Gesetz zur Erleichterung des Ausbaus digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze (DigiNetz-Gesetz). In ihm gibt es verbindliche Vorgaben zur Mitnutzung von vorhandenen Strukturen. Sie werden in einem Infrastrukturatlas gelistet, der zukünftig n das Gigabit-Grundbuch eingeht.

Außerdem gibt es Regelungen für die Mitverlegung bei anderen Infrastrukturvorhaben, wie Straßenbau, Erschließung von Neubaugebieten und anderes mehr.

Mitverlegung beim Straßenbau im Schelderwald

Mitverlegung beim Straßenbau im Schelderwald

Das ist aber nur sinnvoll, wenn ich weiß, was ich mitverlegen sollte. Das klassische Kunststoffrohr DN 100 hilft da nicht immer und die Netzbauer veröffentlichen ihre Planungen auch nicht.

Da half es, dass wir auf eine 100 Prozent-Förderung des Bundes zugreifen konnten und für 300.000 Euro für alle 150 Stadt- und Ortsteile eine Ausbauplanung, auch Gigabit-Studie genannt, erstellen ließen.

Sie liegt jeder Kommune in digitaler Form vor und auf sie kann bei kommunalen Bauvorhaben als Information zu Mitverlegungen dienen.

Ein erlebtes Beispiel war die Ortsdurchfahrt Wilsbach, wo es gemeinsam mit der Gemeinde Bischoffen und Hessen-Mobil gelang, die Gigabit-Infrastruktur im Baubereich mit zu verlegen.

Geholfen hat dabei der Gemeinde, dass Hessen vorher ein Förderprogramm aufgelegt hatte, das die Mitverlegung finanziell unterstützte. Möglicherweise ist das auch eine Chance bei der Erschließung von Niedrigenergiedörfern.

Gewerbe-Projekt (G-Projekt)  2021 bis 2025

Irgendwie passte es zu unserem Ziel, beim Ausbau des Gigabitnetzes in bezahlbaren Größenordnungen Schritt für Schritt zu gehen, um weder den Kreis noch die Kommunen finanziell zu überfordern und möglichst auch den Bürgerinnen und Bürgern Kosten zu ersparen.

Im Rahmen der Bundesförderung wurde 2017 das „Sonderprogramm zur Förderung von Gewerbe- und Industriegebieten sowie Häfen“ aufgelegt. Das kam uns wie gerufen, weil wir in den beiden vorhergehenden Projekten nur rund 400 Unternehmen mit Glasfaseranschlüssen anbinden konnten. Klar war uns, dass die großen Unternehmen sich im Laufe der Zeit für reichlich Geld eigene Anschlüsse hatten legen lassen. Aber es blieben nach unseren Informationen doch noch rund 16.000 in unserem Kreis übrig.

Mit den Vorgaben des Programms und mit intensiver Unterstützung durch die Städte und Gemeinden konnten wir 2021 kreisweit 134 Gebiete mit gewerblicher Nutzung ermitteln, in denen es mindestens drei Unternehmen mit nachgewiesenem Bedarf gab. Wesentlich für den Ausbau ist die Zahl der Gebäude und damit der Adressen. Sie ist in der Regel kleiner, weil es häufig mehrere Unternehmen in einem Gebäude gibt. Wir konnten rund 4.000 Adressen ermitteln, die den Vorgaben des Fördersystems entsprachen und haben den Antrag gestellt.

Im entsprechenden Vergabeverfahren hatten wir es erstmals mit vier Interessenten zu tun. Endlich gab es Wettbewerb. Bei den Projekten vorher gab es neben der Telekom Deutschland GmbH keine weiteren Bieter.

Auch diesmal bekam die Telekom den Auftrag, weil sie bei einer Gesamt-Investition rund 33 Mio. Euro eine Wirtschaftlichkeitslücke von 28 Mio. Euro auswies. Dafür will sie auf 137 Kilometer Rohrsysteme (Pipes) verlegen, Glasfasern einblasen und Netzverteiler aufstellen.

Unser Kreis wurde in vier Ausbaugebiete (AG) aufgeteilt. Die AG 1 und 2 – der Südkreis – sind fast fertig, im AG 3 – Dillenburg, Haiger, Herborn – wurde begonnen und für das AG 4 laufen die Planungen.

Die von uns aufzubringende Wirtschaftlichkeitslücke – mittlerweile sind das schon 85 Prozent des gesamten Aufwands – werden zu 50 Prozent vom Bund, zu 40 Prozent vom Land und zu 10 Prozent vom Kreis aufgebracht.

Ziel ist es, möglichst im April 2025 fertig zu sein.

Was wurde erreicht?

Unsere kommunale Gemeinschaft hat es mit dieser kontinuierlichen Arbeit geschafft, dass wir in Sachen Datengeschwindigkeit im vorderen Drittel der Landkreise in Deutschland unterwegs sind.

Dabei wurden bis heute fast 80 Mio. Euro ausgegeben, von denen Kreis und Kommunen knapp 20 Mio. Euro aufgebracht haben.

Die Bevölkerung ist sensibilisiert und konnte bei der guten Grundversorgung Geduld aufbauen, die uns auch durch die Pandemie getragen hat.

Wie geht es weiter?

Allen Beteiligten war klar, dass die Aktivitäten seit 2011 dazu dienten, einen Übergang zu schaffen, bis der Vollausbau mit „Glasfaser in jedes Haus“ gelingen konnte.

Tatsächlich hat sich der Markt soweit entwickelt, dass es neben dem Einzelanbieter Telekom von 2013 mittlerweile über 350 von der Bundesnetzagentur (BNetzA) zugelassene Netzbauer gibt. Häufig sind es lokal oder regional aktive Stadtwerke oder Stromversorger. Es sind aber auch Marktmächtige dabei, die die notwendige Kompetenz aufgebaut haben und finanziell von Pensionsfonds aus Kanada bis Australien getragen werden. Ihr erkennbarer Nachteil ist, dass sie für den Betrieb auf ihrem neuen Netz meist nur einen Diensteanbieter (Provider) mitbringen. Das zeigt sich häufig als Hindernis bei der Vorvermarktung.

Zur Gestaltung der neuen „Gigabitförderung 2.0“ des Bundes wurde ein Institut beauftragt, eine landesweite Potenzialanalyse zu erstellen, die die Wahrscheinlichkeit eines eigenwirtschaftlichen Ausbaus (EWA) durch den Markt prognostiziert.

Bei einem ermittelten Potenzial von 98 Prozent und mehr EWA für unseren Kreis klaffen doch Prognose und Wirklichkeit weit auseinander. Grundlage dieser Erkenntnis ist das von uns in 2023 durchgeführte Markterkundungsverfahren (MEV), das auch ein vorgegebener Schritt zur Teilnahme am Fördersystem ist.

Die Abweichungen entstehen durch die Vorgehensweise des Marktes, der in einzelnen Kommunen den Vollausbau gemacht oder angekündigt hat. Das sind Hüttenberg, Waldsolms, Eschenburg, Leun, Solms und Wetzlar. In anderen Kommunen soll es aus wirtschaftlichen Gründen nur einen Teilausbau geben. Dabei werden Kernstadtlagen und einzelne Ortsteile angestrebt, ganze Straßenzüge und Ortsteile bleiben unberücksichtigt. Dazu gehören Dietzhölztal, Haiger, Dillenburg, Herborn, Bischoffen, Hohenahr, Ehringshausen, Aßlar, Lahnau, Schöffengrund, Braunfels, Greifenstein und Driedorf. Kein Marktinteresse gibt es für Breitscheid, Sinn, Mittenaar und Siegbach.

Bei rund 250.000 Einwohnerinnen und Einwohnern, etwa 140.000 Haushalten in knapp 90.000 Gebäuden, einem Glasfaseranschluss-Bestand von über 8.000 und ziemlich unklaren Marktbewegungen ist es folglich nicht besonders einfach, über das vorhandene Fördersystem dafür zu sorgen, dass keine Adresse unversorgt bleibt.

Erschwerend kommt für uns hinzu, dass wir im geförderten Ausbau die knapp 25.000 kupferbasierten Kabelfernsehanschlüsse (KTV) nicht mit Glasfasern überbauen dürfen.

In der Hoffnung, dass sich der ein oder andere einschränkende Punkt noch auflöst, sind wir 2023 unser finales Projekt angegangen.

Vollausbau (V-Projekt)  2025 bis 2030

Auf der Grundlage der Regelungen zur Gigabitförderung 2.0 vom April 2023 haben wir für die 27.000 Adressen, die der Markt nicht ausbauen will, einen Förderantrag gestellt. Das Prüfsystem des Fördergebers teilte uns mit, dass bei unterstellten Kosten von 10.000 Euro pro Adresse ein Volumen von 270 Mio. Euro entstehe. Damit werde die Obergrenze von 200 Mio. Euro pro Antrag überschritten. Wir mussten teilen.

Es entstand je ein Antrag für Lahn-Dill-Süd mit 14.000 Adressen in 11 Kommunen und Lahn-Dill-Nord mit 13.000 Adressen in 12 Kommunen. Ganz bewusst wurden alle Städte und Gemeinden in die Anträge aufgenommen, da es überall zu nicht angeschlossenen Restmengen kommen kann.

Nur Lahn-Dill-Süd wurde genehmigt und vom Bund 70 Mio. Euro und vom Land 56 Mio. Euro bereitgestellt. Der Antrag für Lahn-Dill-Nord wird in diesem Jahr erneut eingereicht.

Wir haben aktuell Lahn-Dill-Süd ausgeschrieben und wollen nach dem Abschluss des Vergabeverfahrens den Auftrag im November erteilen. Gebaut werden soll von 2025 bis 2028.

Im V-Projekt gibt es eine schwierige Anforderung, die die Umsetzung nicht einfacher macht. Neben den Fördergeldern von Bund und Land ist von den Kommunen ein zehnprozentiger „Eigenmittelbeitrag“ aufzubringen. Das sind dann je Adresse bis zu 1.000 Euro und damit bei Lahn-Dill-Süd bis zu 14 Mio. Euro.

Besonders hart trifft es die Kommunen, bei denen der Markt nicht oder nur teilweise unterwegs ist. Wir haben uns des Themas angenommen und Landrat Wolfgang Schuster hat den Kreisgremien ein LDK-Förderprogramm Vollausbau vorgeschlagen, das die betroffenen Kommunen in Teilen entlasten kann. Der Kreistag hat das Programm Anfang Juli 2024 einstimmig beschlossen und wenn Kreismittel zur Verfügung stehen, wird es greifen.

Perspektiven

So ganz fertig ist man eigentlich nie und deshalb müssen wir uns noch ein paar besonderen Adressen widmen. Die Fördersysteme haben es nicht zugelassen, dass wir die „schwer erschließbare Einzellagen“ anschließen konnten. Wirtschaftlich ist so ein Anschluss außerhalb der Siedlungsbereiche nicht zu bauen und trotzdem soll keiner zurückbleiben.

Unterstellt, in jedem der 150 Stadt- und Ortsteile gibt es so zwei Adressen, dann haben wir eine Zahl. Über die 300 reden wir in Wiesbaden, wenn wir versuchen, aus anderen Fördertöpfen Unterstützung zu bekommen.

Deutlich schwieriger wird es, wenn den Netzbauern das Geld ausgeht für das, was sie sich vorgenommen haben. Ärgerliche Beispiele haben wir schon erlebt. Sachkundige werden wissen, dass vor ein paar Jahren der Meter Tiefbau mit Einbringen der Pipes und Herstellen der Oberfläche noch für 50 Euro zu haben war. Der Preis hat sich mittlerweile hochgeschaukelt bis zu 130 Euro. Wenn einem Netzbauer von seinem Fond 3 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt wurden, wird sich an der Summe nichts ändern, aber die Meter werden weniger. Es knirscht im Markt erheblich.

Spannend ist auch eine andere Frage: wie groß ist in der Bevölkerung die Sehnsucht nach Glasfaser? Um den Vollausbau nach dem Motto „Glasfaser in jedes Haus“ erfolgreich werden zu lassen, brauchen wir die Zustimmung jedes Hauseigentümers, den Anschluss bis in den Keller zu bringen. Da gibt es mittlerweile Erfahrungen, die erschrecken aber trotzdem nicht mutlos machen. Vielleicht sollte sich noch mehr herumsprechen, dass der Wert der eigenen Immobilie mit einem Glasfaseranschluss um acht bis zehn Prozent steigt.

Das Gigabitnetz muss es auch im Lahn-Dill-Kreis geben, sonst rauscht die Digitalisierung an uns vorbei.

Hermann Steubing